Freitag, 28. Juli 2017

[Rezension] Todesmarsch - Stephen King

 
Titel: Todesmarsch
Autor: Stephen King

Genre: Roman
Seitenzahl: 316
Erscheinungsjahr: 1994
Verlag: Heyne
ISBN: 9783453074859
Original: The Long Walk (1991)

Preis: 9,99 € (TB) / 8,99 € (ebook)

Bewertung: ★★★★★



Inhalt:
Wettrennen in den Tod

Einhundert 17-jährige Amerikaner brechen jedes Jahr am 1. Mai zum Todesmarsch auf. Für neunundneunzig von ihnen gilt das wörtlich – sie werden ihn nicht überleben. Der Sieger dagegen bekommt alles, was er sich wünscht...


Meine Meinung:
Für „Todesmarsch“ brauchte ich keine Empfehlung. Es ist ein King-Buch und das ist für mich Grund genug, es zu lesen. Dementsprechend habe ich vorher keine Rezensionen dazu durchgelesen und weiß nicht, wie andere das Buch bewerten und ob sie den tieferen Sinn darin entdeckt haben.

Ich will niemandem die Gelegenheit nehmen, den Sinn selbst zu entdecken, deswegen löse ich die Hinweise, die ich markiert habe, erst am Ende auf. Falls DU, lieber Leser, das Buch noch nicht gelesen hast, solltest du also die Auflösung am Ende meiner Rezension nicht lesen. 
Die Rezension ist spoiler-frei, die Auflösung aber nicht!


Die Geschichte beginnt damit, dass Ray Garraty von seiner Mutter zum Startpunkt des sogenannten Todesmarschs gebracht wird (Hinweis 1). Als Leser ist man völlig ahnungslos: Was ist der Todesmarsch genau? Warum wird er veranstaltet? Warum nehmen die Jungs überhaupt freiwillig daran teil? Mich haben diese Fragen am Anfang sehr beschäftigt und auch motiviert weiterzulesen. Später war es nur noch die Frage: Wer wird den Marsch gewinnen? Doch irgendwann habe ich realisiert, dass keine dieser Fragen wichtig ist.

Der Marsch beginnt um 9 Uhr morgens, teilnehmen dürfen nur Jungs im Alter 17 Jahren (Hinweis 2). Man erlebt alles aus der Sicht von Garraty, seine Gedanken und Gefühle, seine Einstellung, seine Schmerzen, seine Qual. Er schließt sich anderen Gehern an, es entsteht so etwas wie Freundschaft und auch Feindschaft zwischen den 100 Teilnehmern. Doch nur einer kann gewinnen. Es gibt klare Regeln für den Todesmarsch. Missachtet man sie, wird man verwarnt. Nach drei Warnungen wird man erschossen. Verlässt man die Straße, wird man ohne Vorwarnung erschossen. Kurzer Prozess.

Anfangs hat es mich erstaunt, dass es nur selten eine richtige Rivalität zwischen den Gehern gibt. Viele helfen sich sogar untereinander, obwohl sie doch davon profitieren, wenn andere früh sterben – denn der Marsch endet erst, wenn alle anderen tot sind (Hinweis 3). Die Stimmung des Buchs ist von Anfang an eher gedrückt und sehr getragen. Nicht unbedingt beängstigend, eher beklemmend.

Der Major, der dieses Spiel sozusagen leitet, taucht als Randfigur nur sporadisch auf, ist in den Gedanken der Geher aber oft präsent. Er war mir anfangs sehr suspekt, ich konnte ihn überhaupt nicht einschätzen und war mir seiner Rolle in dieser Geschichte nicht bewusst. Von den Gehern wird er mal bewundert und bejubelt und dann wieder gehasst und verachtet (Hinweis 4).

Die Zuschauer dieses ganzen „Spektakels“ empfand ich als abstoßend und widerlich. Garraty freut sich zunächst, als er von ihnen angefeuert wird, später empfindet er es als Hohn (Hinweis 5). Meine erste Vermutung war, dass die Zuschauer auf unsere verkommene Gesellschaft hindeuten und der Todesmarsch eine perverse Unterhaltungsshow ist, die sie von ihrem eigenen tristen Leben ablenkt. Dazu wird das ganze aber nicht öffentlich genug gemacht. Zuschauer sind erst gegen Ende erlaubt und Fernsehkameras sind auch eher selten zu finden. (Ist aber wohl trotzdem ein Seitenhieb auf die heutige Unterhaltungsindustrie, das würde zumindest die Zitate aus verschiedenen realen Game-Shows über jedem Kapitel erklären - meine zweite Vermutung steht in der Auflösung unten).


Nach und nach scheiden Teilnehmer aus. Manche verstoßen gegen die Regeln, manche haben körperliche Beschwerden, die sie am Weitergehen hindern. Aber wie schon früh von Stebbins (einem mysteriösen Jungen) angedeutet wird, kommt es nicht auf die körperliche Konstitution an, sondern auf die Einstellung. Selbst ein schwächlicher Junge könne es bis zum Ende schaffen (Hinweis 6).

Manche laufen über ihre Grenze hinaus weiter. Andere verlieren den Verstand und wählen die Abkürzung aus dem Marsch – den schnellen Tod (Hinweis 7).

Alle anderen motivieren sich irgendwie dazu ihre Kontrahenten auszustechen und zu gewinnen, setzen sich bestimmte Ziele, die sie unbedingt erreichen wollen (Hinweis 8). Garraty wird gefragt, warum er an dem Marsch überhaupt teilnimmt, aber er antwortet nicht, er weiß es gar nicht so genau. Auch die anderen haben keine wirklichen Gründe. Das hat mich beim Lesen zuerst fürchterlich aufgeregt. Denn es muss doch einen Sinn geben, warum sie sich dieser Qual aussetzen, oder?

Liest man das Buch nur oberflächlich und erkennt den tieferen Sinn nicht, könnte ich mir vorstellen, dass man die Geschichte langweilig findet und von dem Ende sogar enttäuscht ist. Das Ende wirkt sehr offen und abrupt, ergibt aber Sinn, wenn man die Geschichte wirklich verstanden hat.

Ich finde das Buch jedenfalls unglaublich gut umgesetzt und die Erkenntnisse, die ich beim Lesen hatte, haben mich wirklich überwältigt. Erkennt man den Sinn dahinter, ist das Buch einfach grandios.

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Seid ihr bereit für die Auflösung? Here we go! ;)
Der Todesmarsch steht für das Leben. Das Ende des Marsches ist der Tod. Das zeigt sich auch darin, dass Garraty am Ende nicht wirklich als Sieger hervorgeht und das Ende offen ist.

Hinweis 1: Garraty wird von seiner Mutter zum Marsch gebracht -> auf die Welt gebracht.
Hinweis 2: Ich vermute, dass 9 Uhr morgens ein Hinweis auf die 9 Monate im Mutterleib darstellt. Warum nur Jungs teilnehmen dürfen, weiß ich nicht, aber das Alter steht für die Zeit des Erwachsenwerdens.
Hinweis 3: Man weiß nicht, wann der Marsch endet, es gibt keine genaue Zeitangabe, nur die vage Hoffnung als letzter noch auf den Beinen zu sein -> das Leben endet tödlich, aber man will einfach so lange wie möglich am Leben bleiben.
Hinweis 4: Der Major steht für Gott. Er ist dafür verantwortlich, dass die Jungs an dem Marsch teilnehmen, wird aber trotzdem bejubelt. Nur wenn die Qual zu groß wird, kommt der Hass und die Wut (Hilflosigkeit im Angesicht des Schicksals: Warum tut Gott mir das an?).
Hinweis 5: Die Zuschauer stehen für all die Leute, die einem im Leben begegnen, Randfiguren, Statisten, aber auch Eltern und Freunde. Natürlich bejubeln sie das Leben. Sie sind nicht sensationsgeil, sie freuen sich nur am Leben zu sein und dass die Geher noch am Leben sind. Garraty, der schon ziemlich am Ende ist, versteht diese Freude nicht mehr. Er wünscht sich einfach nur, dass es endet -> „Kreislauf aus Todesangst und Todessehnsucht“
Etwas konträr dazu steht allerdings, dass die Zuschauer auch jubeln, wenn jemand stirbt. Das wirkt dann doch eher wie die Sensationsgier durch die kranke Unterhaltungsindustrie.
Hinweis 6: Stebbins scheint den Marsch fast mühelos zu bewältigen. Erst am Ende knickt er ein, endet wie alle anderen. Die Offenbarung, dass er der Sohn des Majors ist, passt da ganz gut ins Bild. Jesus wurde auch nicht vor dem Tod verschont.
Seine Aussage, dass nur die Einstellung zählt, lässt sich auch gut auf das Leben übertragen. Auch ein körperlich schwacher Mensch kann alt werden, solange er nur nicht aufgibt.
Hinweis 7: Während des Marschs werden die verschiedenen Todesarten deutlich: Stumpf und innerlich tot, wie es bei vielen alten Menschen irgendwann der Fall ist, bevor sie letztendlich richtig sterben. Selbstmord, weil es einige einfach nicht aushalten, weiter in diesem sinnlosen Marsch zu laufen. Und Krankheiten, die einen unfair erwischen, obwohl man eigentlich gute Chancen auf ein langes Leben hätte (Scramm).
Hinweis 8: Auch im Leben setzt man sich Ziele, die einen motivieren weiterzumachen. Ein Leben ohne Ziele hat keinen Sinn. Deswegen nimmt die Motivation der Teilnehmer auch ab, sobald ihr Ziel an Wert verliert. (Beispiel: McVries will Barkovitch überleben -> Barkovitch stirbt -> wozu läuft McVries jetzt noch?)

Es gibt noch so viele andere Hinweise in dem Buch. Subtile und weniger subtile. Z.B. wird hin und wieder erwähnt, wie verlebt die Teilnehmer aussehen. Garraty sagt, dass Olsen graue Haare hatte, als er starb. Garraty erinnert sich an Teile seines früheren Lebens, als wäre er „alt und senil“.

Ich habe mir mittlerweile auch ein paar andere Rezensionen durchgelesen und bin echt überrascht, dass das Buch teilweise schlecht bewertet wird, weil es „keinen Tiefgang“ hat oder "langweilig" sei… sehr schade!

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